Wie man sich irren kann…

Stress ist normal. Ich brauche Stress/Druck/Anstrengung, um mich gefordert zu fühlen, um motiviert und fokussiert zu bleiben. Tatsächlich schaffe ich mehr an ohnehin vollgepackten Tagen als an Tagen, an denen ich nichts zu tun gehabt hätte und eigentlich den Wohnungsputz hätte einschieben könnte oder sollen. Das würde ich als alltägliches Prokrastinieren bezeichnen. Eigentlich erstmal ärgerlich.

Unangenehm wird Stress jedoch dann, wenn jeder Tag so vollgepackt ist, dass man diese Tage nicht mehr hat. Tage, an denen man es sich erlauben kann, einfach mal nichts zu tun, auch wenn man dadurch später mehr zu tun hätte. Tage, an denen man vom geregelten Leben – vom “Plan” – abweichen kann. So sieht das Chemiestudium ab einem gewissen Punkt allerdings geradezu dauerhaft aus: Freie Tage sind zeitlich “einfach nicht drin”. Dieses Gefühl, eingeschränkt in seiner Wahlmöglichkeit (in seiner Freiheit?)  zu sein, ist unerträglich und war mir vor dem Studium in der Form nicht bekannt. So sinnlos die Tage der Untätigkeit scheinen, sie schaffen bei mir gewissermaßen wieder Motivation – erneuern den Wissensdrang. Und fehlen sie einmal für zu lange, dann verfalle ich in eine Art Lethargie, bin wenig produktiv.

Das Problem “Prokrastination” war für mich lange Zeit nicht fassbar. Vielleicht, weil ich Faulheit damit in einen Topf geworfen habe. Wer nicht lernt oder seine Hausarbeit schreibt, der ist offensichtlich einfach zu faul, nahm ich an. Ich habe mich jedoch niemals als faul empfunden und sehe auch heute noch eine klare Grenze, obwohl ich zum Aufschieben neige. Aber warum? Dazu habe ich länger analysiert, wann und warum ich solches Verhalten an den Tag lege. Es ist Frust. Frust darüber, wie scheinbar ineffektiv meine Methode des Lernens ist.

Ich lege Wert auf einen langfristigen Lernprozess. Latein war in der Schule für mich ein leichtes, weil ich auf altes Wissen immer wieder zurückgreifen konnte. Verbindungen zwischen altem und neuem Wissen wurden geknüpft. Das ist möglicherweise die wertvollste Art von Wissen; das ist es, was mir Erfolgserlebnisse wie kaum etwas anderes gibt. Auch im Chemiestudium existieren sicherlich diese “Aha!”-Momente. Sie sind das, was mich an diesem Studiengang hält. Aber das Verlangen nach Wissen, der Wunsch nach dem Knüpfen derartiger Sinnverbindungen, wird nicht belohnt. Es ist an vielen Stellen zwar möglich, sich ein echtes und umfassendes Verständnis, auf das man später wieder zurückgreifen könnte, zu erarbeiten – allerdings: Die Zeit dafür gibt es nicht.

Wenn jemand es trotzdem versucht, geht das meist eine Zeit lang gut. Dann kommt allerdings die Prüfungsphase. Meist ist das eine Klausur pro Fach, die die komplette Note ausmacht – eine Punktleistung – und da stößt meine Vorstellung von Leistungsbereitschaft an ihre Grenzen. Gute Noten, das wird ganz schnell klar, gibt es nicht für diejenigen, die Interesse zeigen und versuchen, sich ein stabiles, tragendes Grundwissen zu erarbeiten. Diejenigen, die lieber erst eine Sache so gut wie möglich beenden, und diejenigen, die beim Lernen nebenbei auch verstehen wollen, sind aufgeschmissen. Nein, gute Noten bekommen die Auswendiglerner, die Schleimer und die Genies. Das kann man so hinnehmen und sagen: “So funktioniert das eben. Mach’ ich jetzt genau so! Ich kann auch ein guter Fachidiot in irgendeiner Nische werden, da brauche ich alles andere eh nicht mehr.” Will ich aber nicht müssen.

Mein Studium gibt wenig Gelegenheit, mal eine Pause einzulegen, zu reflektieren, einzuordnen. Alles wird durchgepeitscht, ist von vorn bis hinten auf den mit der “friss oder stirb”-Mentalität offenbar zufriedenen Durchschnittsstudenten angepasst. Das hochgelobte deutsche Studiensystem, basierend auf eigener Erarbeitung des Stoffes und größtmöglicher Selbstständigkeit ist zumindest meiner Erfahrung nach eine Lüge. Aber so ist das eben. Zähne zusammenbeißen: Fleißiges Bulimielernen ist mit Sicherheit Grundvoraussetzung für ein langes, erfülltes Berufsleben.

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Südwinsen Festival 2013

Seit unzähligen Jahren besuche ich regelmäßig, nicht nur aufgrund der örtlichen Nähe, das Südwinsen Festival, ein kleines Lokalfestival in meinem Heimat-Landkreis Celle. Was ursprünglich als Party begann, fand heuer zum 17. Mal statt und hat sich zu einem ernstzunehmenden “Umsonst Und Draußen”-Festival entwickelt. Jedes Jahr strömen bis zu 4000 Besucher (teilweise selbst aus dem Ausland) auf eine abgemähte Kuhwiese ins “Königreich Südwinsen” (Eigenbezeichnung) und ein Teil von ihnen zeltet auch vor Ort. Das habe auch ich üblicherweise gemacht. Besonders schön war dann immer unser großes grassyworld-Gruppencamp. Mit dem Ableben von grassyworld – oder vielmehr war das Ableben von grassyworld dadurch bedingt – zerstreute sich das ehemalige Team jedoch ziemlich. Somit besuchte ich das Festival in diesem Jahr ohne zu zelten, sehr angenehm war dabei, dass sich meine Schwester als Fahrerin anbot.

Meine Mutter (die zum ersten Mal mitkam, um sich das Festival, zu dem traditionell auch viele Besucher mittleren Alters kommen, endlich mal aus der Nähe anzusehen), mein Cousin und mein Onkel waren ebenfalls dabei, sodass das ganze mehr ein Familientreffen mit netter Musik war. Und davon gab es reichlich in diesem Jahr. Zwar finde ich es angenehm, nicht mehr jede Band verpflichtend für eine Review sehen zu müssen, dennoch habe ich selten auf dem “SüWi” so viele Bands am Stück gesehen. Von Herr Flamingo (Pop-Punk?)  über Drone (Thrash Metal?) bis zur Kai Strauss Band (Soul?) hat mir die Auswahl durchgehend gefallen. Der Zeltplatz und das eigene Bier haben  in den Jahren zuvor doch ziemlich abgelenkt. In diesem Jahr haben wir uns vor allem an der Cocktailbar, die zugegebenermaßen für ein Festival echt humane Preise hatte, gütlich getan. Das Wetter tat sein übriges zu meiner ohnehin guten Stimmung (…ja, vielleicht habe ich auch ordentlich Jim Beam-Cola getrunken…). Hervorragend fand ich in diesem Jahr den Einsatz für ein 5-jähriges an Leukämie erkranktes Mädchen aus der Umgebung: Besucher konnten ihre Pfandmarken spenden und eine Patchworkdecke mit Festivallogo wurde ebenso zu ihren Gunsten versteigert. Das passte dazu, dass ich mich gerade erst bei der Blutspende als Stammzellenspender habe registrieren lassen…

Auf dem Campingplatz schienen mir in diesem Jahr auffällig viele  Autos (anstelle von Zelten) zu stehen – möglicherweise bin ich durch das Hurricane einfach keine Autos mehr auf dem Campground gewohnt. Logischerweise bekam ich als nicht-Camper in diesem Jahr weniger von den spaßigen Aktionen mit, aber das machte mir erstaunlich wenig aus. Dafür habe ich das Geschehen und die Bands auf dem Gelände umso intensiver wahrnehmen können.

Vielleicht liegt es an der Nähe (fünf Kilometer zum Heimatort), vielleicht daran, dass das Festival umsonst ist, vielleicht an der extrem vielseitigen Auswahl der Bands oder dem “Kuhwiesen-Flair” – fest steht aber das Südwinsen Festival hat einen festen Platz in meinem Herzen. Es gehört einfach dazu, bislang war das Zelten selbstverständlich – doch dieses Jahr hat mir bewiesen, dass man auch nur der Stimmung und der Bands wegen zum SüWi kommen kann.

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Hurricane 2013 – mein Rückblick Teil 2

Vom Riesenrad

Der Samstag begann mit recht angenehmem Wetter. Es sollte auch der in dieser Hinsicht schönste Tag werden. So konnten wir fast den ganzen Tag ohne Sorge vor Regen über das Gelände laufen. Glücklicherweise hatte sich meine Migräne vom Vortag verzogen, was für mich hieß, dass ich den Tag mit einem Bier eröffnen könnte: das ist Festival.

Nachdem wir ausgiebig gefrühstückt hatten, schlenderten wir über das Gelände und besuchten ein paar ehemalige Schulkameraden. Sie zelteten auf dem normalen Campingplatz, auf dem es inzwischen katastrophal vermüllt war. Es schienen sich hier auch mehr völlig abgestürzte Menschen aufzuhalten. Kein Wunder: kaum, dass wir ankamen, wurde uns die Bierbong praktisch aufgezwungen (ich lehnte aber ab). Allerdings blieb nur einer aus unserer Gruppe – und war hinterher auch dementsprechend besoffen, um nicht zu sagen mitgenommen.

Im Anschluss gingen wir zu Frittenbude. (Schade, Deap Vally und Fidlar waren mir einfach zu früh.) Die Stimmung war herrlich entspannt für ein Frittenbude-Konzert, dabei natürlich immer noch mitreißend. Zuvor hatte ich die Band jedoch ohnehin nur indoor gesehen. Tolles Konzert, ich habe diesmal weniger erwartet.
Marteria im Anschluss stand Frittenbude in kaum etwas nach. Besonders der Marsimoto-Teil gefiel mir. Hier zündeten vorher instruierte Helfer unzählige grüne Rauchbomben, sodass man die eigene Hand vor Augen in grünen Nebel getaucht sah. Sehr witzig.

Auf dem Rückweg zum Camp – eine Verschnaufpause war notwendig – hörten wir noch “Little Talks” von der Green Stage schallen. Ich trank noch ordentlich vor, da als nächster Künstler zumindest für mich mein Samstags-Headliner anstand: Chase&Status. Zum Glück schafften wir es noch in die White Stage. Und wow – das Publikum rastete aus. Unglaublich! Wenn einer sprang, sprangen alle, die ersten zehn Reihen waren ein einziger Moshpit. Ich hatte es nicht erwartet, aber nach der guten Stunde, die sie spielten, war ich wieder ähnlich geschafft wie ’11 und ging schnurstracks Richtung Camp.
Auf dem Heimweg hatte ich leider eine unangenehme Begegnung. Es kann natürlich nicht nur angenehme Menschen auf einem Festival geben, aber hier lief ich einem richtigen Arschloch über den Weg. Ein bulliger, glatzköpfiger Mittzwanziger, der mit entgegen kam, schubste zunächst ein Mädchen aus dem Weg (ich dachte, es wäre ein Versehen), sie rief ihm noch ein Schimpfwort hinterher, dann rempelte er mich auch an. Ich habe ihm noch irgendwas an den Kopf geworfen, bin dann aber einfach weiter gegangen. Wer sich auf solche Provokationen einlässt, wird nur Opfer von solchen Idioten…

Ich saß noch lange am Camp und plauderte mit unseren Nachbarn, sowie meinem bereits im Bett liegenden Kumpel (Bierbong!), der zu allem Überfluss sein Portemonnaie verloren hatte. Zum Glück war es mild und regnete nicht.

Den Sonntagmorgen wollte ich mit Grillfleisch beginnen, leider war zumindest unseres inzwischen gammelig geworden. Schade, nächstes mal brauchen wir mehr Kühlleistung…
Wir fuhren noch einmal Riesenrad gegen mittag und hörten Kvelertak aus der Ferne. Vor Macklemore sahen wir danach Kashmir (ganz große positive Überraschung). Ersterer gefiel mir rein musikalisch und von seiner Show sehr gut. Dummerweise war der Sound unglaublich leise. Vor der Bühne war es derartig voll, dass wir kaum weg kamen, obwohl wir uns beeilten. Immerhin hörten wir noch “Photosynthesis” von Frank Turner, der fast parallel zu Macklemore begonnen hatte. Das nächste mal gibt’s Frank Turner, so viel steht fest.

Später sahen wir das Ende von Two Door Cinema Club (guter Auftritt!) und von der Tribüne NoFX (schlechter Auftritt!). Nach ein-zwei weiteren Bieren war dann meine Aufregung auf ihrem Höhepunkt. Allein ging ich zurück zur Green Stage und schaute die zweite Hälfte von The Gaslight Anthem, die ich nach wie vor überbewertet finde. Ich kämpfte mich in den ersten Wellenbrecher: die Queens of the Stone Age, seit je her meine Lieblingsband, waren der Sonntagsheadliner. Und es war atemberaubend, ein perfekter Auftritt (zu sehen auch auf YouTube), der mir wieder einmal gezeigt hat, warum ich QotSA so großartig finde. Das Publikum vor der Bühne war gut und gerne im Schnitt fünf bis zehn Jahre älter als bei anderen Bands, die Moshpits hatten genau die richtige Intensität, der Sound war einwandfrei. Für mich jedenfalls war dieser Auftritt – wenn auch sehr kurz – der krönende Abschluss eines nahezu perfekten Festivals.

Der Abend wurde noch standesgemäß mit Ratzeputz und Heidegeist abgeschlossen – unsere tollen Festivalnachbarn waren dabei. Wir hatten eine sehr kurze Nacht, das Abbauen am Montag fiel mir mittelmäßig schwer. Erschreckend fand ich, wie viele Plünderer am Montagmorgen die Hinterlassenschaften der Besucher plünderten. Ob diese dem Veranstalter durch die Mitnahme von liegen gebliebenen Dingen halfen oder am Ende noch mehr Chaos stifteten, weiß ich jedoch nicht genau.

Die Rückfahrt selbst war sehr anstrengend, da alle Autos durch eine Engstelle, an der die Polizei die Abreisenden auf Drogenkonsum kontrollierten, fahren mussten. Insgesamt sind wir wieder einen halben Tag gefahren… Da muss sich einiges bessern.

An- und Abreise, sowie das Wetter sind beinahe meine einzigen Kritikpunkte. Das Hurricane 2013 war einfach großartig! Wenn ich es auch nur irgendwie einrichten kann, bin ich 2014 mit Sicherheit wieder dabei.

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